Obstanbau in Rheinhessen



Obstart
ha
Apfel
652
Sauerkirsche
827
Zwetsche
599
Süßkirsche
221
Mirabelle
110
Birne
89
Strauchbeere
25
Erdbeere
46



Jahresdurchschnittstemperatur10,2° C

Jahresniederschläge543 mm

Höhenlage üNN86 - 240 m

Bodenartenleicht lehmiger Sand - sandiger Lehm (Rheintal)

sandiger Lehm – Löß-Lehm (Rheinhessisches

Tafel- und Hügelland und Wonnegau)


VermarktungErzeugergenossenschaften VOG Ingelheim und Weisenheim sowie Direktvermarktung

Landkreise mit Obstbau:
Mainz-Bingen, Alzey-Worms, Städte Mainz, Worms


Geologie:
Das aus der Rheinschleife von Worms über Mainz zur Nahemündung in Bingen gebildete Dreieck umreißt die geographische Lage von Rheinhessen, heute politisch zu Rheinland-Pfalz gehörend. Geschützt von Hunsrück und Taunus aus nördlicher Richtung und Odenwald aus östlicher Richtung ergibt sich ein für Wein- und Obstbau günstiges Klima. Höhen über NN 80 - 90 m im Rheintal steigen auf 100 bis 150 m in der Übergangsterrasse und schwanken bis 250 m im Rheinhessischen Hügelland. Dem folgt die Jahrestemperatur mit 9,9° C im Rheingraben, abfallend bis ca. 9,5° C in Alzey bei etwa 1700 Sonnenstunden. Langjährige Niederschläge liegen zwischen 490 bis 560 mm mit Trockenperioden im Frühjahr und Spätsommer. Böden der Rheinniederung sind neben schmalen Schwemmlandablagerungen überwiegend leichte meist kalkhaltige Sande bis in Hanglagen und dann wechselhaft von kiesig bis zu Ton- und Kalkmergeln, während auf dem Plateau Lößböden wechselnder Mächtigkeit vorherrschen. Kleinklima und Bodenwerte zwischen 18 bis 86 ergeben damit stark wechselnde Bedingungen und bestimmen die Kulturart. Ein meist hoher Kalkgehalt setzt Grenzen, so dass Unterlagen - wie Sortimentsfragen - sehr differenziert zu sehen sind. Reifeverschiebungen bis zu 14 Tage verlängern die Erntezeit, wie sie den Anbau von Frühsorten in Spätlagen ausschließen. Totalausfälle durch Spätfrost wurden bisher jedoch dadurch vermieden. Mit 2582 ha Obstfläche, die von 925 Betrieben bewirtschaftet wird, befindet sich in Rheinhessen das größte zusammenhängende Obstanbaugebiet in Rheinland-Pfalz.


Obstbau früher und heute


Auch heute noch erkennbare Strukturen sind Ergebnisse geschichtlicher Entwicklungen und den klimatisch günstigen Möglichkeiten Rheinhessens. Dies veranlaßte bereits in frühgeschichtlicher Zeit die Römer, neben dem Weinbau, sich mit der Kultur feinerer Obstarten zu befassen. Aus einer Verordnung Karls des Großen (724 - 814) sind bereits eine Liste von etwa 100 Sorten Kulturpflanzen und erste Anordnungen für die Baumanzucht im Obstbau bekannt. Auch die Bestimmung, daß jedes Ehepaar sechs Obstbäume pflanzen mußte, was bevorzugt in der Rheinniederung erfolgte, stammt aus seiner Zeit. In der Folge bewahrten die Mönche die Kenntnisse in den Klöstern, selbst Obst anbauend und erfüllten das Vermächtnis vom Mittelalter bis zur Neuzeit aufklärend und aufbauend zu wirken. Eigene Beobachtungen, wie z. B. von Hildegard von Bingen (1098 - 1179) ergänzten und vertieften den obstbaulichen Wissensstand. Dokumente aus dem 15. Jahrhundert berichten bereits von größeren Kirschenpflanzungen, aber auch von Spillingen, Zwetschen, Birnen, Äpfeln und Nussbäumen. Selbst Pfirsiche und Aprikosen gediehen vereinzelt auf den wüchsigen Sandböden.
Die napoleonische Epoche brachte eine Realteilung der Landgüter in viele kleinbäuerliche Betriebe, die sich nun verstärkt den arbeitsintensiven Obstkulturen widmeten. Die Förderung des Aprikosenanbaues (Maleten) im Mainzer Becken, wie auch die Obstpflanzungen längs der Straßen finden hier ihren Ursprung. Besonders erwähnt wird der Haxthäuserhof - zwischen Ingelheim und Mainz gelegen - mit bereits ausgedehnten einheitlichen Steinobstpflanzungen im 18. Jahrhundert .
Der Zeitraum 1870 bis zur Jahrhundertwende war die Phase eines enormen obstbaulichen Aufschwungs. Stabile politische Verhältnisse bei zunehmender Bevölkerung und die Eisenbahn als schnelles, günstiges neue Transportmittel, erlaubten Obst über den Bedarf der nahen Märkte anzubauen. Der Schwerpunkt des obstbaulichen Fortschritts lag dabei in den Niederungen des Mainzer Beckens, dessen tertiäre Sandböden, nach Waldrodung humusreich bei günstigen Grundwasserstand (vor der Rheinvertiefung), ideale leicht bearbeitbare Standorte für Spargel und Frühobst darstellten. Der Obstanbau im rheinhessischen Hügelland verharrte dagegen im bäuerlichen Streuobstanbau und diente vorwiegend der Selbstversorgung.
Die ansteigenden Obstmengen brachten um 1900 zunehmende Abhängigkeit vom Handel und Preisverfall. Dies führte in den Orten mit konzentriertem Obst- wie Gemüseanbau sehr schnell zur Gründung von Obst- und Gartenbauvereinen für die Zusammenfassung des vielfältigen Angebotes der landwirtschaftlichen Klein- und Nebenerwerbsbetriebe. Allgemein verlief dabei die Entwicklung in Richtung von Absatzgenossenschaften, die gegen Verkaufsprovision die Einzelposten erfassten, zusammenstellten und versuchten am Markt kostendeckende Erlöse zu bekommen.


Nach dem 1. Weltkrieg brachte dem Obstanbau die Bedeutung einer Absicherung gegen Arbeitslosigkeit und Zuerwerb, die durch den Willen zur autarken Wirtschaftsweise und die Gesetzgebung im 3. Reich von 1933 bis 1945 verstärkt wurde. Auf Druck der wirtschaftlichen Anpassung im EG-Markt erfolgte eine Fusion der 4 Obstgroßmärkte im Jahre 1968 zu den Vereinigten Großmärkte für Obst- und Gemüse Rheinhessen eG mit Sitz in Ingelheim. Um 1960 spielt der Obstbau in größeren Gebietsteilen von Rheinhessen eine wichtige Rolle. Anbauschwerpunkte sind: Süß- und Sauerkirschen im Gebiet zwischen Mainz und Bingen und im Südteil des Kreises Worms, Pfirsiche von Mombach ausgehend, Birnen, Äpfel und Zwetschen besonders im Raum Gau-Algesheim und Worms.


Sauerkirschen: Um 1980 befindet sich in Rheinhessen der Anbauhöhepunkt der dunklen Sauerkirschen. Die Kulturbedingungen im trockenen Klimaraum geben erhöhte Inhaltstoffe und die Ernte mit Stiel durch die Familien mit Freundeskreis sichert eine qualitativ hochwertige-lagerfähige Ware. Die Erntemengen an den Wochenenden übersteigen die 20 000 dt. Diese Tonnagen werden von den VOG-Ingelheim mit neu eingerichteten leistungsfähigen Kühl- und CA-Lagern gut gemeistert. Viruskrankheiten, hier die Stecklenberger Virose, macht sich in den Pflanzungen durch erste massive Ertragsausfälle bemerkbar. Die Prosperität der Kultur ist ab 1984 durch massive Einfuhren aus Ost-Staaten, verbunden mit einer Halbierung des Preises unter Kostendeckung, jäh zu Ende. Nach Überwindung des Preistiefs entstanden zunächst mit den Sorten `Gerema´ und `Ungarische Traubige´ seit Mitte der 90er Jahre über 100 ha Neuanlagen, die speziell auf maschinelle Ernte ausgerichtet wurden.


Zwetschen
Mit dem Auftreten der Scharkavirose wurde der Zwetschenanbau wegen Ertrags- und Qualitätseinbußen zunehmend unrentabel. Bei der Anpflanzung neuer Zwetschenanlagen entwickelten sich daher 2 Wege: Der ständige Infektionsdruck in den herkömmlichen Anbaugebieten führte zur ausschließlichen Verwendung von Scharka toleranten Sorten. In den ackerbaulich geprägten Gemarkungen ist der Infektionsdruck wesentlich geringer einzustufen, da hier die Virusübertragung von Wirtspflanzen erschwert ist. Diese “Gesundlagen” werden für den Anbau Scharka empfindlicher Sorten mit hoher Vermarktungsqualität genutzt.


Kernobst: Mit dem Rückgang der Sauerkirschenproduktion verlagerte sich die Obstproduktion in Richtung Kernobst. Der größte Teil der Äpfel und Birnen wird über die genossenschafltiche Vermarktung abgesetzt. Für das Frühgebiet spielt dabei das Sommer- und Herbstgeschäft eine gewichtige Rolle. Mit neuester Lager- und Sortiertechnik ist mittlerweile eine fast ganzjähriges, flexibles Kernobstangebot möglich.
Die zunehmende Erntemenge und die nicht immer kostendeckende Auszahlung für Lagerware läutete die Ära der Direktvermarktung ein. Heute geht dieser Trend im Ab-Hof-Verkauf zum umfangreicheren Warensortiment, möglichst im Ganzjahres- Frischeangebot, zusätzlich ergänzt durch verwandte Produkte. Ab 1996 erfolgen unter dem Landeszeichen ”Aroma-Obst” gemeinsame Werbemaßnahmen an Endverbraucher durch einen Teil der Betriebe.






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